Der
Brennende
Busch

Gerhard Kerner



Mein
Friseur



Es war genau 11 Uhr, als mein Friseur bei mir auf der Kopfhaut ein Karzinom diagnostizierte. Ich weiß das deshalb so genau, weil in diesem Moment der Rundfunksprecher lauthals die Uhrzeit herausplärrte und im Namen seines Senders die stündlichen Nachrichten ankündigte. Er wünschte dann noch allen Hörern einen "tollen Tag", wie er sich ausdruckte. In Kabul hatten sie ein paar Kommunisten aufgehängt, nachdem sie ihnen die Knochen zu Brei geschlagen hatten, meinte der Nachrichtensprecher. Das Ding, das da auf meiner Kopfhaut gedeihe, sei ganz bestimmt unheilbar, meinte mein Friseur. Da ich es nicht selbst in Augenschein nehmen konnte, ließ ich es mir von ihm beschreiben, während er elegant, behutsam und graziös weiterschnippelte. Es sei einem ganz gewöhnlichen Geschwür nicht unähnlich, präzisiere mein Friseur in seinem gebrochenen Deutsch. Er war Italiener und erst kürzlich war ihm die Frau weggelaufen, weil er ihrer Ansicht nach zu viel trinke, hatte er mir erzählt, und er stamme aus Kalabrien, was er noch jetzt bedauere, auch wenn die Wahl des Geburtsortes sich jeglicher menschlichen Einflußnahme entziehe.


"Und Sie glauben wirklich, das ist Krebs?" fragte ich. Er bejahte, begleitet und unterstützt von sehr heftigem Nicken. Dann führte er näher aus, daß die nahezu kreisrunde Geschwulst sich farblich stark von einer harmlosen Infektionsschwellung unterscheide. Meine Erkrankung, sagte mein Friseur, sei zweifelsohne schon so weit fortgeschritten, daß "da nix mehr zu machen" sei. Dies sei das Tückische an solchen Sachen: Der Patient merke einfach nichts und verwechsele das Anschwellen des Tumors unter der Schädeldecke mit einer Beule, die er sich irgendwo zugezogen habe. Solange verwechsele der Patient dies, bis der Tag komme, an dem die Geschwulst sich durch den Knochen und die Haut an die Oberfläche gefressen habe. Tückischerweise nicht ans Tageslicht, wo dann ein jeder sie sehen könne, sondern nur an die vom Kopfhaar bedeckte Oberfläche. Dann kam gegen Ende der Nachrichten, so kurz vor dem Wetterbericht, eine Nutte herein, durchquerte unsere männliche Domäne und verzog sich in den Damensalon. Fortdauer des Regenwetters fur die nächsten Tage wurde vorhergesagt. Die Nutte hatte Natursandalen an den Füßen, trug ein bezauberndes Knöchelkettchen und war ungeschminkt. Ich erkannte sie sofort als Nutte, weil Nutten genau wie professionelle Politikerinnen diesen tödlichen Ausdruck in ihrem Gesicht mit sich tragen. So tödlich, als hatte sie über Stunden eine zu eng sitzende Latexmaske getragen, um sie kurz vor dem Friseurbesuch abzuziehen. So, als hatten sich die Züge der Latexmaske in ihre Gesichtshaut eingefressen, wie sich mein Krebs in umgekehrter Richtung aus meinem Kopfinnern an die Oberflache herausgefressen hatte. Außerdem sagte mein Friseur laut und deutlich: "Das is' Cloe. Sie is' Nutte." Er sagte das aber erst, als die Nutte schon im Damensalon und also außer Hörweite war. Die Tür zum Damensalon hatte sie offengelassen und ich konnte sehr deutlich im Friseurspiegel sehen, wie sie sich auf einem der Stühle niederließ, die den Behandlungsstühlen der Gynäkologen nicht unähnlich sind. Nur fehlen im Friseursalon eben die Beinstützen, mit denen die zu Behandelnden ihre Schenkel spreizen, um dem hilfreichen Arzt freien Tast- und Blickweg auf ihre Vagina und deren unmittelbare Umgebung zu schaffen. All das sah ich, als blickte ich in einen übergroßen Rückspiegel. Aber es war kein Ruckspiegel. Es war der Friseurspiegel und in dessen Mitte hockte mein verkrebster Kopf und glotzte gierig zurück.


Der Radiosprecher sagte drei Musiktitel an, die ich nicht kannte, weil das ja auch nicht mein Sender war und weil ich nicht die Senderauswahl getroffen hatte. Die Senderauswahl hatte mein Friseur ganz bestimmt schon am sehr frühen Morgen getroffen, nachdem er noch in der Kühle der Dämmerung das Geschäft aufgeschlossen, Licht gemacht und glutheißen Kundenkaffee gekocht hatte. Dann liefen diese mir unbekannten Musiktitel an und ich fühlte mich unbehaglich, weil ich direkt in einem dieser großen Schaufenster saß, die zur Straße führten und mein Körper um und um wehrlos beleuchtet war. Da konnte mich einfach jeder sehen, der auf der Straße vorbeiging. Ich führte mir dann allerdings vor Augen, daß draußen zugiges Herbstwetter mit Nieselregen herrschte und sowieso kaum jemand auf der Straße war. Die wenigen Menschen, die auf der Straße waren, die hatten es eilig, weiterzukommen. Wen interessierte da schon ein verkrebster Kopf im Schaufenster eines Friseurs? Wer wurde da wohl stehenbleiben, sich den eigenen Kopf einregnen lassen, nur um einen wildfremden Kopf mit Krebs obendrauf zu studieren? Aber mein eher fluchtiger Blick auf die Straße zeigte mir auch, das gegenüber ein Penner auf dem Bordstein saß. Der Penner hockte mit verpißter Hose und roten Pickelinseln auf der Gesichtshaut auf dem Bordstein und trank immer mal wieder aus einer Dose einen Schluck Bier. Die Nutte trank heißen Kaffee, den ihr die Gehilfin meines Friseurs gereicht hatte. Sie zog einen Flachmann aus der Handtasche. Das Ding war sicher recht wertvoll. Wenigstens sah es so aus. Es war mit Sterlingsilber umkleidet und hatte einen gläsernen Stopfen mit Brillantschliff. Daraus goß die Nutte zitternd eine cognacfarbene Flüssigkeit in ihren Kaffee. Das war bestimmt tatsächlich Cognac. Dann gab sie noch zwei Tabletten ins Getränk und jetzt erst lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und schien sich ein bißchen zu entspannen. Dabei rutschte ihr kanariengelber Rock weit über die Knie. Eine der Natursandalen hatte sich von ihrem Fuß gestohlen und lag verlassen zwischen abgeschnittenen Resten vom Kopfhaar der früheren Tageskunden auf dem Parkettboden.


All das konnte ich im Spiegel jetzt deutlicher sehen, weil ich meinen Friseur gebeten hatte, kurz innezuhalten in seinem emsigen Tun und mir zu erlauben, meine Brille aufzusetzen. Normalerweise trage ich keine Brille bei meinem Friseur. Wenigstens nicht, solange der an mir arbeitet. Das wäre zu umständlich. Schon am Anfang beim Haarewaschen. Normalerweise ziehe ich die immer erst gegen Ende auf, wenn ich die fertige Frisur anschauen muß und er mir herrisch von hinten den Spiegel an den Kopf hält und fragt, wie mir das alles gefalle. Dann erst trage ich wieder die Brille. Aber dieses Mal hatte ich meinen Friseur gebeten, eine kurze Pause einzulegen, damit ich meine Brille aufziehen konnte, obwohl mein Kopf doch erst halb fertig war. Schließlich konnte ich der Nutte gerade genau zwischen die Beine gucken und sie hatte die Knie nicht übereinandergeschlagen. Sie befand sich im Wartezustand. Nicht unähnlich einer Apathie. Jedenfalls hing sie puppenschlaff im Sessel und war recht blaß mit lila Ringen unter den Augen. Ich weiß nicht, ob die Nutte eine Ahnung davon hatte, daß ich ihr zwischen die Beine guckte. Wenn sie eine Ahnung davon hatte, dann war ihr mein Tun jedenfalls ziemlich gleichgültig.


Das Höschen, das die Nutte trug, war eines dieser köstlichen Spitzenhöschen, wie man sie manchmal auch in der Auslage seriöser Textilläden sieht, die Damenunter- und Oberbekleidung für Herren aus dem Mittelstand führen. Der Penner gegenüber nahm noch einen Schluck aus seiner Bierdose. Er hatte seinen Kopf abstrus schräggelegt dabei und die Augen verschwanden unter wulstigen Lidern. Er sah aus wie ein Freak mit dieser verwinkelten Kopfhaltung. Dann fing er an zu husten. Ich hörte das aber nicht. Der Penner war mindestens acht Meter von mir weg und die große Schaufensterscheibe meines Friseurs trennte uns ja auch noch. Aber daß er hustete, sah ich an seinen zuckenden Bewegungen und daran, das es immer und immer wieder den ganzen Körper des Penners im Regen schüttelte, wenn sich ein Hustenkitzel aus ihm löste. Der Musiktitel, der jetzt lief, war mir auch unbekannt. Aus dem Mundwinkel des Penners troff ein grüngelber Speichelfaden. Wie Pizzakäse zog sich der langsam hinab und dann stellte er eine Verbindung her zwischen dem nassen Asphalt und den bierbeschmierten Pennerlippen. Der zähe Schleim schillerte wie ein Spinnwebfaden und zitterte im durchregneten Herbstwind, der draußen ging. Als sich die Nutte dann weiter zurücklehnte, ihren trancehaften Wartezustand anscheinend voll auskostend, sah ich, daß ihr Höschen nicht nur köstlich mit Spitzen versetzt, sondern auch ganz winzig war. Ich vermutete, das es sich bei dem Stück um einen String-Tanga handelte, dessen Po-Teil nur aus einem schnurähnlich gedrehten Stoffetzen bestand. Aber das waren alles bloße Spekulationen. Sie ließen sich verdammt nicht belegen. Meiner Wahrnehmung ausgesetzt war nur das Vorderteil, das Venushügel und Schamhaar bedeckte. Daß das Höschen so ein Winzling war, zeigte die Tatsache, das vereinzelt blonde Schamhaare über den Bund hervor spitzelten. Ganz bestimmt waren die Schamhaare gefärbt. Man findet nur sehr selten Frauen, selbst unter Blondinen, die sich über echtes blondes Schamhaar freuen können.


Mir wurde plötzlich sehr schlecht und ich fragte meinen Friseur, warum mir nicht schon Tage vorher übel gewesen sei. Da liest man und hort man allenthalben von den vielen Krebskranken und allen ist vorher speiübel und sie müssen immerfort kotzen und schlafen fast nie und fallen mitten in den Kaufhausern einfach ohne großes Getue um. Aber mein Friseur wandte ein, daß das nun eben mal ein Warnmechanismus sei, der es dem einen oder anderen ermögliche, sein Leben von einem Arzt retten zu lassen. Wenn dem Betroffenen dann schlecht werde, gehe er zu einem Arzt, der ihn ganz genau untersuche, den Krebs feststelle und ihn ins Krankenhaus zur Operation schicke. Dann bestehe oft eine große Chance, den Krebs zu heilen. "Und diese Chance habe ich nicht?" fragte ich meinen Friseur. Mein Friseur verneinte. Hinter dem Penner öffnete sich eine massive Haustür. Sie war aus Mahagoniholz gefertigt und hatte zum Herausgucken buntes Fensterglas in Bleifassung. Eigentlich kann man aus so etwas nicht richtig herausgucken. Man kriegt allenfalls noch eine schattenhafte Ahnung von dem, was draußen vor geht. Ich freute mich über mein unverblendetes, gardinenfreies Schaufenster und bemerkte, das ein heiliger Mann hinter der wuchtigen Mahagonihaustür hervortrat. Nicht richtig war das ein heiliger Mann. Er war eben nur ein Pfarrer oder auch ein Hilfsgeistlicher oder nur Laienprediger. Aber er trug ganz Schwarz: Hose, Socken, Schuhe, Jackett, Pullover. Oben aus dem Pullover guckte ein weißer Priesterstehkragen heraus. Fast so verschämt-vorwitzig wie die Schamhaare aus dem Höschen der Nutte im Damensalon. Der Priester ging zu dem Penner hin und ich glaubte, er wolle ihm etwas zustecken. Vielleicht ein paar Mark, damit er weggehe und sich woanders hinsetze und sich vorher noch ein paar andere Bierdosen zum Leertrinken kaufe. Aber ich hatte nicht bemerkt, daß der heilige Mann sehr aufgeregt war. Das wurde mir erst klar, als er den Penner am schmutzigen Kragen seiner Windjacke nahm und ihn hin und her schüttelte. Das war auch ganz einfach, denn der Penner wog höchstes sechzig oder fünfundsechzig Kilo und schwerstens betrunken war er auch noch. Mit der rechten Hand wedelte also der heilige Mann den Penner hin und her und mit der freien linken Hand wedelte er in der Luft herum. Er unterstrich damit, was er ihm zu sagen hatte. Ich selbst konnte kein einziges Wort davon hören. Es war so weit weg und die Schaufensterscheibe war auch noch dazwischen. Mein Friseur bat mich, den Kopf in die Nackenstützen seines Friseurstuhls zurückzulegen, weil er Haarwasser auf meinen verkrebsten Kopf gespritzt hatte und mir jetzt die Schläfen massieren mochte. Eigentlich wollte ich zuerst widerstehen und meinen Kopf da behalten, wo er gerade war. Immerhin konnte ich nur in dieser Haltung die Nutte, den Penner und den heiligen Mann sehen. Wenn der Kopf in der Nackenstutze lage, dann führte dies meinen Blick zwangsweise nach oben, mochte ich auch noch so sehr mit den Augenbällen rollen. Aber ich kam erst gar nicht zum Neinsagen, denn mein Friseur hatte so eine bestimmend-zwangsweise Art, seine Anordnungen für die Kopfhaltung seiner Kunden durchzusetzen: Er faßte vorsichtig mit den Fingerspitzen die zu massierenden Schläfen und übte sehr subtile Gewalt auf mich aus, indem er meinen Krebskopf nach hinten kippen ließ. Aus dieser Perspektive konnte ich nur noch die weiß tapezierte Decke sehen. Das war ein sehr unangenehmer Anblick. Er bot mir nichts. Er blendete nur und zwang mich dazu, die Lider zusammenzukneifen. Ich schloß also die Augen und lauschte dem, was mir mein Friseur zu sagen hatte. Er meinte, daß es für mich an der Zeit sei, mein Leben von Grund auf zu ändern. "Du hast gut reden, du Arschloch", dachte ich und sagte, das ich genau das auch ganz bestimmt vorhabe. Immerhin, ergänzte mein Friseur, blieben mir noch sechs oder sieben Monate auf Gottes Erdboden und das sei doch schon was. Ich solle aber um Himmelswillen nicht wie ein primitiver Epikureer mich aufs Fressen, Saufen und Huren verlegen, sondern vielmehr in mich gehen und versuchen, einen Weg zu finden, der mir ein sanftes Sterben ermögliche. Ohnehin sei bei dieser Art Krebs das eigentliche Sterben kein allzu großes Problem mehr, meinte mein Friseur. Ich würde einfach eines Morgens nicht mehr aufwachen, und wenn ich bis jetzt noch keine Schmerzen empfunden hatte, dann sei es immerhin sehr wahrscheinlich, das ich bis zum unvermeidlichen Zeitpunkt des Hinübergehens in eine andere Welt auch keine Schmerzen empfinden werde. Und selbst wenn irgendwann Schmerzen kommen sollten, sagte mein Friseur, sei das auch nicht weiter schlimm. Sie seien nur temporär. Quasi ein Vorspiel zum langerwarteten Auftritt von Freund Tod. Für uns alle hier Geborene, so mein Friseur, sei der Tod, das Zu-Grabe-Fahren, unausweichliches Schicksal und es sei eben besser, sich dessen gewärtig zu sein und sich damit abzufinden. Der Tod siege immer und immer.


Zugeben muß ich, daß die phrasendrescherischen Worte meines Friseurs für mich in diesem Moment sehr tröstlich waren. Ich hätte weinen mögen, aber ich weinte nicht, weil es sich nicht geziemt und sich nicht gehört, daß ein erwachsener Mann von achtunddreißig Jahren einfach so in aller Öffentlichkeit in einem Friseursalon weint und vielleicht sogar auch noch schluchzt und noch mehr von all diesen spektakulären Dingen aufführt. Mein Friseur wäre auf jeden Fall überreichlich entsetzt gewesen, wenn ich geweint hatte. Der Rundfunkmoderator hatte eine sehr jugendliche Stimme. Gerade hatte er einen Witz gemacht und lachte so lauthals krampfhaft darüber, als müsse genau dieser Witz jetzt seinen Siegeszug um die ganze Welt antreten. Es ist aber auch traurig, wenn man alleine im Studio sitzt, einen plumpen Witz macht und der Tontechniker höchstes fast unmerklich grinst. Wo soll man denn dann bitte seine Witze hineinmachen? Das Mikrofon an sich ist nicht mehr als ein totes Ding. Wer davor sitzt, auf den wirkt es noch nicht einmal wie ein Gefäß, das Bereitschaft und Verlangen zeigt, angefüllt zu werden mit Werten und Worten. Es hängt, steht oder hockt einfach vor einem und das es wirklich etwas wahrnimmt, das läßt sich weder optisch noch akustisch, taktil, olfaktorisch oder sonstwie verifizieren. Es ist nun einmal nicht ein leuchtendes Paar Kinderaugen, das einen beim Märchenerzählen erwartungsvoll anblitzt und hoffnungsvolle Sternchen sprüht.


Ich hatte mich wieder einmal bei typischen Decken-Gedankenspaziergängen erwischt, als mein Friseur mit vergleichbarem sanftem Zwang, mit dem er meinen Kopf nach hinten geführt hatte, ihn wieder in aufrechte Position drückte. Der Penner war verschwunden. Nur noch den heiligen Mann sah ich. Er stand da im Regen, wo der Penner gesessen hatte. Er hatte den Kopf gesenkt und schaute auf die Lache aus Rotze und Urin hinab, die der Penner zurückgelassen hatte. Sorgsam kontrollierte der heilige Mann, wie sie sich mit dem Regenwasser vermischte, langsam auflöste und vom Rinnstein in den gußeisern abgedeckten Abflußkanal kräuselte. Jetzt hatte die Nutte doch tatsächlich, als befände sie sich wahrhaft beim Gynäkologen, ihren rechten Schenkel über die Stuhllehne gelagert und das Tor für meine tastenden, forschenden Blicke weit geöffnet. Endlich war es mir möglich, auch feinere farbliche Nuancen voneinander zu unterscheiden: Ihr Schamhaar war in der Tat so sehr strohblond, das es zweifelsohne nur gefärbt sein konnte. Vereinzelte Spitzen stachen durch den Höschenstoff hervor und verliehen dem Höschen den Eindruck eines verrückten wehrhaften Pelztierchens, das sich unter dem Rock seiner Herrin versteckt hat, um sich dort festzuklammern, weil irgendein Scherzkeks laut "Buh" gerufen hat. Die Nutte hatte die Kaffeetasse ausgetrunken und schien tief und fest zu schlafen. "Cloe immer müde", klärte mich mein Friseur auf, zuckte wegwerfend mit den Schultern und sagte noch "Nachtarbeit". Dann kam er wieder auf meine tödliche Krankheit zu sprechen und sagte, das es eigentlich schade sei, schon in so relativ jungen Jahren abtreten zu müssen und fragte mich wie alt ich denn nun wieder sei. Ich sagte es ihm und bemerkte, das der seitliche, abgenähte Saum des vorderen Dreiecks am Höschen der Nutte seine Lage verändert hatte. Wahrscheinlich war das passiert, während ich gezwungen gewesen war, mit geschlossenen Augen die Decke anzustarren. Sie hatte sich wohl weit zurückgelehnt und ihre lasziven Bewegungen hatten ein Verrutschen des Stoffteils bewirkt. Bei billiger Textilware ist das manchmal möglich. Seitlich preßte sich ähnlich wulstig wie mein Krebs, den ich am Kopf trug, eine Schamlippe aus dem Höschen heraus.


Auch diese Schamlippe erinnerte mich wieder an ein Tierchen. Allerdings nicht so zaghaft, ängstlich und wehrhaft wie das Höschen selbst, sondern eher bloß und ausgeliefert. Eine Nacktschnecke im sommerlichen Sonnenwetter bei der Gartenwegüberquerung. Wir alle wissen, was für eine mühselige Arbeit das für eine Nacktschnecke ist. Und auch, das diese Anstrengungen fur Nacktschnecken in weit mehr als neunzig Prozent aller Falle tödlich enden.


Der heilige Mann starrte immer noch in den Gully. Mein Friseur hatte mir wie gewohnt seine Arbeit von allen Seiten zur Begutachtung gezeigt. Scheinbar freudig hatte ich mit dem Kopf genickt, während er stolz den Spiegel hielt. Wahrscheinlich waren das Schlaftabletten gewesen, was die Nutte nebst Cognac in ihren Kaffee gegeben hatte. Ich machte mir aber keine Sorgen um sie. Zwei Stück wurden bestimmt nicht zu ihrem Tode führen. Als mein Friseur die achtunddreißig Mark für seine Arbeit kassiert hatte, lächelte er mich an und ich nahm sein Rasiermesser aus der weiten, labberigen Tasche seines Arbeitskittels, klappte es auf und durchschnitt seine blank dargebotene Kehle damit. Sicher hatte sich der Penner einen trockenen Platz gesucht. Das Wetter war für diesen Frühherbst ungewöhnlich schlecht. Immer noch lächelte mein Friseur, obwohl sein Adamsapfel in zwei Hälften gespalten war und in der Kehle eine weite Wunde klaffte, aus der pulsierend Blutströme blubberten. In seiner Hand hielt er noch das Wechselgeld, das er mir korrekterweise anbieten wollte. So hatte er noch eine Hand frei, um sich an der Kassentheke abzustützen. Darum dauerte es auch eine Weile, bis er selbstverständlich wortlos umfiel. Ich hatte meinen Friseur getötet. Endlich hatte ich meinen Friseur getötet. Das Wechselgeld hatte ich ohnehin abgelehnt. Meinem Friseur gebe ich immer Trinkgeld. Er weiss das. Er weiss auch, das seine dargebotene Hand mit den Münzen eine bloße Geste ist, die ich gewöhnlich mit "Stimmt so" quittiere. Ich ging auf die Straße hinaus, wischte mir die wenigen Blutspritzer aus dem Gesicht und schlug den Mantelkragen hoch. Der heilige Mann hatte sich wieder hinter seine Massivholztür zurückgezogen. Obwohl da noch ein Restchen Pennerschleim im Rinnstein schimmerte.


Ich weiss nicht mehr so genau, wohin mich mein Weg an diesem Tag führte.


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